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Ein Wandertag

Die Nacht war kühl, gemessen an den derzeitigen Sommertemperaturen hier am Rhein sogar sehr kühl. Wir schliefen bei offenen Fenstern und zogen uns immer wieder die schweren Daunendecken bis unter das Kinn. Ruhig, beinahe gespenstisch ruhig war der Morgen. Obwohl es draußen schon lange hell war, konnten wir nicht erkennen, wie das Wetter wird. Also dann, mal raus aus den Federn und ab auf den Balkon. Ein herrlicher Blick tat sich auf über feuchte saftig grüne Wiesen und steil aufragende, felsige Anstiege. Die Gipfel waren in zartes Morgenrot getaucht. Darüber ein zartblauer Himmel mit wenigen wattebauschartigen kleinen Wolken. Herrlich. Der Wetterbericht sprach von warmem, hochsommerlichem Wetter mit hohem Gewitterrisiko am Nachmittag. Das heißt, bis drei Uhr müssen wir wieder unten sein.

Schnell zum Bäcker, frische Brötchen einkaufen und dann erst einmal ausgiebig frühstücken. Wenn genug Platz ist, frühstücken wir auf dem Balkon unter den wärmenden Strahlen der Sonne, die inzwischen über die Bergrücken wandert und ihre Strahlen ins Tal sendet. Dann werden die Rucksäcke gepackt. Fleißig Brote schmieren, Müsliriegel, Trinkflaschen am Besten mit klarem Kranenberger, Obst, Regenjacken, Fotoapparat und fertig. Oder sollen wir heute warme Pullover mitnehmen. Oben ist es oft kühl und wenn es früh bewölkt, ist das nicht verkehrt. Zumindest für die Kinder sollten wir etwas Warmes mitnehmen. Die Kleinen, sechs und fünf Jahre alt, packen ihre eigenen Rucksäcke, nehmen ihr Brot, eine Schirmmütze und ein Fernglas mit. Nun geht es ab zur Bushaltestelle. Die glücklicherweise vor der Haustür liegt und da der Bus alle 10 Minuten verkehrt haben wir kaum Wartezeit. Zwei Stationen weiter sind wir in einem Nachbartal, Endstation für den Straßenverkehr. Hier geht es nur noch bergauf, egal in welche Richtung man sich wendet, Talschluss sozusagen.

Wir wenden uns dem mittleren Tal zu, überqueren die Brücke über den rauschenden Bach und stapfen munter einem breiten Schotterpfad folgend bergan. Der Anfang ist irgendwie für alle schwer. Die Beine wollen nicht so richtig, die Luft, die wir einsaugen fühlt sich dünn an und man meint, nicht genug atmen zu können. Bei den Kindern äußert sich das meist in Frustreaktionen. Sie schimpfen über das Laufen, die dummen Eltern, den blöden Urlaub, die Berge, das Wetter und überhaupt. Über diese Phase müssen wir alle hinweg. Doch dann wird es immer besser. Nach ca. 20 Minuten und etwa 70 Höhenmetern endet der breite Weg und wir steigen direkt in den Hang. Da es in den letzten Tagen schon öfter zu Gewittern kam, ist der Boden weich und glitschig. Wir wollen 500 Höhenmeter an diesem Hang bewältigen. Wenn das so weiter geht, dann wird das kein Spaß. Der Pfad, der eher einem leicht zugewachsenen Trampelpfad ähnelt und nicht sonderlich gut markiert ist, ist sehr steil. Wir gewinnen schnell Höhe. Den Kindern habe ich versprochen, eine selbst erfundene Geschichte zu erzählen. Dazu müssen wir aber erst einmal dieses steile Stück überwinden. Es geht wirklich senkrecht die Wiese hoch. Bald lässt die Steigung etwas nach, allerdings nur etwas. Die Geschichte für die Kinder wird breit angelegt und reicht locker, um damit eine Dreiviertelstunde oder 200 Höhenmeter zu überstehen.

Die Sonne fängt an zu stechen. Ich nehme meinen Rucksack vom Rücken und trage ihn lose über der Schulter, damit der Schweiß am Rücken trocknen kann. Wir machen eine Pause im Stehen und nehmen vor allem Flüssigkeit zu uns. Die Kinder finden Gefallen an dem schmalen, steilen und teilweise ausgesetzten Weg. Wir entdecken viele neue Pflanzen. So sehe ich zum ersten mal einen richtig schön blühenden gelben Enzian, sogar Frühlingsenzian ist hier in ca. 1.800 m Höhe noch anzutreffen. Da, ein schriller Pfiff, ein Murmeltier. Das Gelände ist gut bewachsen, ein Murmeltier, auch mit Fernglas beim besten Willen nicht zu entdecken. Schade, das wäre was gewesen. Hier oben weiden viele Kühe und das Gebimmel ihrer Glocken ist ein vertrautes Geräusch. Es vermittelt allein ein gewisses Urlaubsgefühl. Ja ja, die pawlowschen Reize. Wir haben jetzt fast die angestrebte Höhe erreicht. Die Almhütte, die den höchsten Punkt der Tour markiert, ist gut zu sehen und wir gehen auf sie zu, indem wir den Hang traversieren. Die Hütte ist laut Angabe in unserer Wanderkarte nicht bewirtet. Sie sieht bereits leicht verfallen aus, dennoch sitzen Leute davor und auf einem handbeschriebenen großen Blatt werden doch tatsächlich Getränke angeboten. Wir lehnen dankend ab.

Wir haben es geschafft. Die Kinder sind zum ersten mal mit uns 570 Höhenmeter am Stück gegangen. Eine tolle Leistung. Während die Kinder mit meiner Frau zusammen ihre Brote essen, mache ich mich noch einmal kurz auf den Weg zum angrenzenden Joch, einem Übergang in ein anderes Tal, dass mit dem Auto nur über erhebliche Umwege zu erreichen wäre. Der Blick ist aber nichts Besonderes. Das Wetter ist im Begriff zu kippen. Es steht zu befürchten. dass die Gewitter heute nicht so lange auf sich warten lassen. Daher wollen wir so rasch wie möglich absteigen. Wir haben die längere Seite für den Aufstieg gewählt und freuen uns nun auf diese Seite, die auf halbem Weg eine bewirtete Alm bietet. Hier wollen wir, das hat schon Tradition, eine frische Milch oder auch Buttermilch zu uns nehmen. Der Weg dorthin ist steil, aber leicht zu gehen. Wir kommen rasch zur Hütte, obwohl wir unterwegs die Regenjacken hervorziehen, denn es hat leicht zu regnen begonnen. Nach einem schweren Gewitter sieht der Himmel allerdings nicht aus. Bei der Hütte angekommen suchen wir uns einen Platz im Inneren, um einen eventuell einsetzenden Regenguss abzuwarten. Doch dieser bleibt aus. Da es in der Ferne zu Grummeln beginnt und nicht auszuschließen ist, dass doch noch ein Gewitter kommt, bleiben wir nicht lange und entschließen uns, nach kurzer Zeit weiter abzusteigen.

Wir haben gerade die Hütte verlassen, da sehen wir, dass eine dunkle schwere Wolke am Berggipfel hängt und sich langsam talwärts schiebt, direkt auf uns zu. War es ein Fehler, jetzt abzusteigen, hätten wir doch länger in der Hütte bleiben sollen? Aber wie lange würde es dauern, bis das Gewitter abgezogen ist? Die Gewitter der beiden vergangenen Tage haben lange ausgehalten und es kamen immer wieder neue hinzu, so dass es fast ununterbrochen regnete, wenn es erst einmal angefangen hatte, zu schütten. So setzen wir unseren Abstieg fort und treiben uns an, möglichst schnell voran zu kommen. Doch weit kommen wir nicht. Wir haben noch ca. 200 Höhenmeter vor uns, da bemerken wir schon das Rauschen des Regens auf den Wiesen über uns. Mit voller Wucht greifen die schweren Tropfen an. Wir schaffen es kaum, unsere Jacken anzuziehen, als das Wasser an uns herab fließt, die Hosen und Socken durchnässt, bis nach kurzer Zeit das Wasser in den Schuhen steht und glucksend unsere Schritte begleitet. Leider haben wir durch diesen Regen einen Todesfall zu beklagen. Meine Sony P71 wird zu nass und gibt auf. Ich werde sie nie mehr zum Leben erwecken können (BTW habe ich mir soeben eine Neue gekauft, zum Trost). Platschnass und glücklich kommen wir an unserem Startort an. 4 Stunden waren wir unterwegs. Was jetzt noch fehlt ist eine heiße Badewanne. Ohne die unbeabsichtigte Dusche, wäre das nächstbeste Eiscafé uns gewesen.

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